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"Comandante
Guerrillero" Raul Reyes. Foto: Dick Emanuelsson
Kolumbien:
Todesschwadrone zu Friedensengeln?
Plötzlich häufen sich Meldungen aus Kolumbien, einem Land,
das sonst hierzulande in den Nachrichten nur als Haufen von Drogenhändlern
vorkommt. Doch plötzlich ist die Guerilla - deren Existenz meist unterschlagen
oder die mit den Drogenkartellen in einen Topf geworfen wird - gar nicht
mehr so böse, man kann mit den Herrschaften ja sogar ganz vernünftig
reden. Ein Friedensabkommen scheint, glaubt man der Euphorie der Medien,
nur noch eine Frage von Tagen oder wenigen Wochen zu sein.
Die militärische Offensive der kolumbianischen Guerilla ist den
Herrschenden in Bogotá und Washington in die Glieder gefahren. Nachdem
es den verschiedenen bewaffneten revolutionären Gruppen in dem südamerikanischen
Land, die bereits seit drei und mehr Jahrzehnten bewaffnet kämpfen,
in den vergangenen Monaten immer wieder gelungen war, der kolumbianischen
Armee schwere Schläge zu versetzen und sie schließlich im Mai
sogar durch einen bewaffneten Angriff von 300 Guerilleros 500 politische
Gefangene aus einem Gefängnis befreien konnten, warnte die CIA, daß
„in fünf Jahren" die Guerilla in Kolumbien die Macht haben könnte,
wenn nicht „drastische Maßnahmen" ergriffen würden.
Eines der vielen Versprechen, die der im Juni neu gewählte Präsident
Pastrana - der am 7. August sein Amt antreten wird - vor der Wahl gemacht
hatte war, sofort Friedensverhandlungen mit der Guerilla aufzunehmen. Und
es scheint als habe er vor, sein Versprechen zu halten.
Am 9. Juli kam es in den kolumbianischen Bergen zu einem Treffen zwischen
Pastrana und den obersten Comandantes der Revolutionären Streitkräfte
Kolumbiens (FARC), Manuel Marulanda („Tirofijo") Briceño Suárez
(„Mono Jojoy"). Es war das erste Mal, daß ein amtierender oder gewählter
Präsident Kolumbiens sich mit den Guerrilleros zusammensetzte. Entsprechend
groß war und ist die Aufmerksamkeit der kolumbianischen und internationalen
Medien, in allen Einzelheiten wird das Treffen beleuchtet, so wie es sich
aus einem fünfminütigen Video darstellt, daß Pastrana aus
den Bergen mitgebracht hatte. Zwar hatte der designierte Präsident
einen Kameramann der familieneigenen Nachrichtensendung „TV Hoy" mit zu
dem Treffen genommen, aber die Technik versagte angesichts der hohen Luftfeuchtigkeit,
so daß eine Videokamera aus dem Lager der FARC aushelfen mußte.
Die Internationale Kommission der FARC, einer Organisation, die vor
mehr als 40 Jahren von der Kommunistischen Partei gegründet worden
ist und seither mit 15.000 Guerrilleros bewaffnet gegen das kolumbianische
Regime kämpft, erklärte anläßlich des Treffens: „Es
demonstriert ein weiteres Mal den entschiedenen Willen zum Frieden, den
die FARC während ihrer gesamten Geschichte als Guerillaorganisation
ausgedrückt haben, denn Ziel der FARC ist es, für die Armen Kolumbiens
den wirklichen Frieden mit sozialer Gerechtigkeit und demokratischen Rechten
zu erreichen." Grundlage der Verhandlungen seien für die FARC
die „Zehn Punkte", die die 8. Guerillakonferenz 1993 beschlossen hatte.
Hier fordern die Guerillaorganisationen zunächst eine politische Lösung
des Konfliktes und verbinden diese mit zahlreichen Forderungen nach Reformen:
Umstrukturierung des Militärs, das nur noch für die Außenverteidigung
zuständig sein soll, demokratische Beteiligung der Bevölkerung
auf nationaler, regionaler und örtlicher Ebene, Investition von 50
Prozent des Nationalhaushaltes in die Sozialfürsorge und weiterer
10 Prozent in die wissenschaftliche Forschung, höhere Steuern für
die Reichen, eine Landwirtschaftspolitik, die die Bauern vor dem ungleichen
internationalen Wettbewerb schützt.. „Wirtschaftliche Entwicklung
und Modernisierung mit sozialer Gerechtigkeit.
Der Staat muß der wichtigste Eigentümer und Leiter in
den strategischen Bereichen sein: Bei der Energieversorgung, den Kommunikationsmitteln,
den öffentlichen Diensten, Straßen, Häfen und Bodenschätzen
zugunstender gleichmäßigen sozial-ökonomischen Entwicklung
des Landes und in den Regionen".
Während in Kolumbien durch das historische Treffen die Gespräche
- „die noch keine Verhandlungen sind", wie die FARC betonen - zwischen
der Regierung und den FARC in Gang kommen, ist es in den vergangenen Wochen
in Deutschland zu mehreren Treffen zwischen der mit 5000 Mitgliedern zweitstärksten
Guerrillabewegung, der Nationalen Befreiungsarmee (ELN), und Vertretern
der Regierung und der Zivilgesellschaft gekommen, die von der Kirche, der
Bundesregierung und dem obskuren Privatagenten Mauss vermittelt wurden.
Bei diesen Treffen wurde zwischen der ELN und den Vertretern der unterschiedlichen
gesellschaftlichen Bereiche ein Abkommen geschlossen, in dem sich die ELN
verpflichtet, ab sofort keine Minderjährigen, schwangeren Frauen und
Senioren mehr zu entführen. Im Vorfeld hatte die ELN aber betont,
daß sie dann auch verlange, daß das Militär und die paramilitärischen
Gruppen ebenfalls keine Minderjährigen mehr für ihre Aktionen
einsetzen, wie es der Fall bei den 15 „eisernen Mädchen" war, die
am 15. Juni von der ELN gefangengenommen wurden, als sie sich an militärischen
Aktivitäten der 14. Armeebrigade beteiligt hatten. Die Mädchen
hatten sich bei ihrer Übergabe an das Rote Kreuz mit Umarmungen und
Tränen von den Guerrilleros verabschiedet und begründeten dies
damit, daß sie von diesen immer gut behandelt worden wären.
„Worte, die für die humanitäre Behandlung sprechen, die die ELN
ihren Gefangenen zukommen läßt", kommentierte der ELN-Informationsdienst
„Correo del Magdalena".
Außerdem sagte die ELN bei den Verhandlungen zu, die Anschläge
auf die Erdölleitungen des Landes auszusetzen. Ab Oktober soll dann
in einer „entmilitarisierten Zone" des Landes, hierbei handelt es sich
um fünf umkämpfte Ortschaften, aus denen sich das Militär
nach einer Zusage Pastranas gegenüber den FARC zurückziehen soll,
ein „Nationales Konvent" unter Beteiligung der ELN und der verschiedenen
Vertreter der Gesellschaft sowie der Regierung und den FARC stattfinden.
Trotzdem warnt die der Guerilla nahestehende Nachrichtenagentur ANNCOL
vor zu großer Friedenseuphorie: „Der Frieden ist in Mode. Zusammen
mit den Menschenrechten ist es das meistgebrauchte Wort in allen Ecken
der Erde. Die Völker, die die Kriege jeder Art erleiden, die ihnen
durch den unlöschbaren Durst nach Profiten der multinationalen Konzerne
aufgezwungen werden, fordern einen Frieden mit Gerechtigkeit, der es ihnen
erlaubt, zu leben und die Bodenschätze zu nutzen. Und die herrschenden
Monopole des globalen Dorfes auf aller Welt sprechen auch vom Frieden.
Von dem Frieden, der es ihnen erlaubt, noch mehr auszubeuten und noch mehr
Gewinne zu bekommen, der das Weiterbestehen der alten neokolonialen, imperialen,
korrupten, gewalttätigen und kriegerischen Ordnung erlaubt.
So gehen die Interessen auseinander, wenn es um die Konkretisierung
der Vorschläge für einen Friedensprozeß geht. Denn während
die Völker und diejenigen, die sich für ihre Rechte organisieren,
einen Frieden mit Demokratie fordern, damit wir alle leben, arbeiten und
eine bessere Zukunft entwerfen können, fordern die, die Generation
auf Generation von der Herrschaft über das Volk, von der Ausbeutung
und Unterwerfung des Volkes gelebt haben, ebenfalls den Frieden, aber nur
für sich! Nur für ihre eigenen Interessen!"
Diese Warnung ist nur zu berechtigt. Denn während sich die Meldungen
über Fortschritte bei den Gesprächen überschlagen, gehen
die Massaker an der wehrlosen Zivilbevölkerung weiter. So meldete
ANNCOL am 9. Juli weitere Massaker im Bezirk Meta, denen 25 Menschen zum
Pfer fielen. Das Rote Kreuz bestätigt, daß in der Ortschaft
Puerto Trujillo die Leichen von 10 Opfern der Massaker in den Fluß
geworfen wurden, um die Spuren der Verbrechen zu verwischen. In Puerto
Oriente wurden eine Frau, zwei Kinder, zwei Flußschiffer und zwei
Männer ermordet. Weitere neun Menschen wurden in Puert Gaitán
umgebracht. Die Region, in der die Massaker verübt wurden, ist von
mehreren Bataillonen der Armee besetzt, es finden fast täglich Patrouillen
von Militärs und Paramilitärs statt, so daß zahlreiche
Händler und Einwohner fürchten, daß es auch in weiteren
Ortschaften zu Massakern kommen könnte.
In Santander warnt die Katholische Kirche unterdessen, daß paramilitärische
Gruppen auch hier ein Massaker vorbereiten. Die Anwesenheit von mindestens
300 Paramilitärs hat bereits zu einer Massenflucht von 200 Familien
geführt.
Amnesty International (AI) hat zur gleichen Zeit direkt das Militär
und die Polizei beschuldigt, die paramilitärischen Gruppen zu organisieren
und zu unterstützen oder ihnen zumindestens Handlungsfreiheit zu gewähren,
damit sie Verbrechen an unschuldigen Personen begehen können. Mindestens
140 Personen „verschwanden", nachdem sie von Polizei- oder Militäreinrichtungen
verhaftet worden waren. Unter ihnen befanden sich Gewerkschafter, Verteidiger
der Menschenrechte und politische Führer. AI wies außerdem auf
Dutzende ungerechtfertigte Verhaftungen von Führern linker Organisationen
und Morddrohungen gegen Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen hin.
In Kolumbien kämpfen seit Jahrzehnten Guerrillaorganisationen gegen
die Machthaber. Die älteste und größte Guerillaorganisation
Lateinamerikas sind mit 15.000 KämpferInnen die kommunistischen Revolutionären
Streitkräfte Kolumbiens (FARC). Ihr oberster Comandante Manuel Marulanda,
genannt „Tirofijo" („sicherer Schuß") zählt mittlerweile 69
Jahre und blickt auf schätzungsweise 40 Jahre Guerillakampf zurück.
An zweiter Stelle folgt die befreiungstheologische Nationale Befreiungsarmee
(ELN), die Mitte der 60er Jahre entstand. Ihr berühmtestes Mitglied
war einst der Priester Camilo Tores Restrepo, der sich nach Jahren gewaltfreien
Wirkens 1967 der Guerilla angeschlossen hatte und bei seinem ersten Gefecht
erschossen wurde.
Zwei weitere - kleinere - Guerillaorganisationen sind die maoistisch
orientierte Volksbefreiungsarmee (EPL) und die Gruppe Bateman Cayón.
Alle diese vier Organisationen haben sich zur Nationalen Guerillakoordination
Simón Bolivar (CNGSB) zusammenschlossen und haben angesichts der
jüngsten Gespräche erklärt, sich abstimmen und vereint in
eventuelle Verhandlungen gehen zu wollen.
Angesichts der Stärke der Guerilla haben die USA unter dem Vorwand
des Kampfes gegen den Drogenhandel Soldaten in Kolumbien stationiert, rüsten
die kolumbianische Armee aus und drohen mit einer offenen Intervention
André Scheer
Aktuelle Informationen aus
Kolumbien gibt's im Internet:
FARC: http://burn.ucsd.edu/~farc-ep/
ELN: http://www.voces.org/
ANNCOL: http://home3.swipnet.se/~w-34817/
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