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«Abgabe der Waffen kommt für uns nicht in Frage»

Auszüge eines Gespräches mit Raúl Reyes, Kommandant der FARC-EP und Farc-Unterhändler bei den Friedensgesprächen


- Die FARC-EP führte mit der Regierung von Belisario Betancur 1984 Friedensgespräche. Welches sind die Unterschiede zu den heutigen Verhandlungen?

Innerhalb der letzten 14 Jahre hat sich die Situation in Kolumbien geändert. Heute gibt es mehr Armut, mehr Gewalt, weniger Möglichkeiten der Campesinos/-as, für die ArbeiterInnen und StudentInnen. Heute herrscht eine grössere Gewalt und Aggressivität des ökonomischen Modells des kapitalistischen Systems generell. Dies hat einen Einfluss auf Millionen von KolumbianerInnen. Wenn sie ihre Rechte reklamieren, werden sie von den Militärs und Paramilitärs umgebracht. Darum reklamiert die FARC-EP vom kolumbianischen Staat einen seriösen Kompriss und die Bekämpfung der Paramilitärs. Welches sind die Beziehungen zwischen dem Militär und den Paramilitärs? Die Paramiltärs haben Beziehungen zum Militär und zur Regierung. Die meisten Verbrechen dieser Gruppen unterliegen der Verantwortung der Regierung.

- Welches ist die Verhandlungsbasis für Friedensverhandlungen der FARC-EP im Vergleich zu den Verhandlungen in El Salvador und Guatemala?

Die Basis der Verhandlungen ist von Land zu Land verschieden. Kolumbien ist ein sehr grosses Land. Nicht nur in der geografischen Grösse, sondern auch in bezug auf den Reichtum an natürlichen Ressourcen. Es ist auch ein wichtiges Land für die USA und die industrialisierten Länder dieser Welt, mit einer sozialen, politischen und wirtschaftlichen Konfrontation, die nun schon fast 50 Jahre dauert. Andere Länder wie Chile hatten eine faschistische Diktatur. In Kolumbien hat sich ein präsidiales Regierungssystem erhalten, wo offiziell ein ziviler Präsident regiert, in Wirklichkeit bestimmt jedoch das Militär. Dieser Präsident muss das Vorgehen der Militärs akzeptieren, sonst würde er sein Amt als Regierungschef aufs Spiel setzen. Darum existiert die Straflosigkeit in Kolumbien mit den Tausenden von Toten, Verschwundenen, Umgesiedelten und Gefolterten. Darum wird dieser Friedensprozess ein schwieriger sein, weil es tiefe Verletzungen gibt. In Kolumbien gibt es einen grossen Widerspruch der Klassen. Die FARC-EP kämpft für die Machtübernahme und ein anderes, sozialeres und gerechteres System. Eine Abgabe der Waffen kommt jedoch für uns im Moment nicht in Frage.

- Welche Unterstützung bekommt die FARC-EP von den Massenmedien?

Die Unterstützung ist minimal, weil die Desinformation der Massenmedien ein Teil des Staates ist. Die Situation ist geprägt durch ein System der Desinformation, weil die Medien in Kolumbien im Besitz von einigen wenigen Familien sind, die mit den staatlichen Autoritäten eng in Beziehung stehen und deswegen eine einheitliche Desinformation betreiben. Die FARC-EP, die ein ganz klares Programm vorlegt, für was sie kämpfen, wird nicht daran gemessen, sondern vielmehr versuchen die Medien sie zu diffamieren, indem man sie als Narcoguerilla, Terroristen, Banditen oder Dinosaurier, die am Aussterben sind, betitelt.

- Welches sind die Beziehungen zu den Nachbarländern? (Es wird immer wieder behauptet, dass die FARC-EP ihren Kampf in die Nachbarländer hineinträgt. Fujimori, der Präsident Perus, hat kürzlich Truppen an der Grenze Kolumbiens mobilisiert, unter dem Vorwand, die FARC-EP würde die Grenzen verletzen.)

Wir operieren strikte auf kolumbianischem Territorium. Wir appellieren an die fortschrittlichen Arbeiter, Studenten, Jugendlichen und Parteien in diesen Ländern, nicht dieser nationalistischen und chauvinistischen Propaganda «auf den Leim zu kriechen». Wir suchen gute Beziehungen zu allen Nachbarstaaten und wir haben nie an militärischen Operationen in unseren Nachbarländern teilgenommen. Wir respektieren die Entscheide jedes Volkes, was für Massnahmen sie ergreifen zur Lösung ihrer Probleme. Wir erwarten dasselbe Verhalten von unseren Nachbarländern, dass sie sich nicht in einen Krieg einlassen, der nicht ihrer ist.

- Wie finanziert sich die FARC-EP?

Die FARC-EP hat einen grossen Bedarf nach Finanzierung, weil sie gegenwärtig einen grossen Zulauf an Männern und Frauen hat, die bereit sind, in den Reihen der FARC-EP zu kämpfen. Diese Genossen/-innen müssen wir ernähren, einkleiden und bewaffnen. Der Bedarf an materiellen Mitteln ist gross. In den befreiten Zonen haben wir den ähnlichen Weg eingeschlagen wie alle Regierungen auf dieser Welt, nämlich die Erhebung einer Steuer. So wie die nationalen Konzerne den Krieg gegen das Volk mit einer Steuer finanzieren, so verlangen wir seit 1993 eine Friedenssteuer an die Aufständischen. Vorwürfe, die gemacht werden, dass die FARC-EP verstrickt sei mit der Drogengeld-Mafia, weisen wir entschieden zurück, weil wir der Meinung sind, dass Drogen schlecht sind für jede Gesellschaft. Das Drogenproblem ist ein grosses Problem der kapitalistischen Gesellschaften. Darum müssten auch sie besorgt sein, dieses Problem zu lösen. Dies haben wir auch in verschiedenen Communiqués publiziert. Kolumbien leidet darunter, dass es eines der Länder ist, das Rohstoffe für die Produktion von Kokain und Heroin liefert. Kolumbien ist nicht ein Land, das in grossen Mengen Drogen konsumiert. Der Bedarf an Drogen ist vor allem in den USA sowie einigen Ländern in Europa gross. Daher kommt die grosse Nachfrage nach Drogen. Wenn diese Länder wirklich ein Interesse daran hätten, den Nachschub an Drogen zu stoppen, müssten sie eigentlich zuerst diese Nachfrage eindämmen. Es müssen Subsistenz-Programme in Kolumbien erstellt werden, wie die Campesinos, die heute im Koka-Anbau tätig sind, ihr Einkommen mit der Produktion von Lebensmitteln verdienen könnten.

- Wie schätzt die FARC-EP die Präsenz der USA in Kolumbien ein?

Diese Präsenz ist sehr gefährlich. Wenn immer mehr US-Berater im Kampf gegen die Bevölkerung eingesetzt werden, die das Recht in Anspruch nimmt, zu protestieren, hat dies nicht nur einen Einfluss in Kolumbien, sondern auch auf die USA. Dies bereitet uns Sorgen, weil sich in der Bevölkerung ein Anti-USA-Gefühl entwickelt. Die Bevölkerung sieht vielfach jeden Blonden, der nicht gut die spanische Sprache spricht, als potentiellen Feind. Deshalb möchten wir nicht, dass sich eine Situation wiederholt mit Tausenden von Flüchtlingen wie im Fall des Vietnam-Krieges.

- Wie sehen die FARC-EP eine mögliche US-Intervention?

Dies wäre sehr schlimm für alle Völker Lateinamerikas. Durch die internen Probleme in Kolumbien würde diese einen nationalen Charakter bekommen. Dies würde das Volk Kolumbiens in den meisten Sektoren gegen die USA aufbringen.

(Interview: Richard Frick)


 «Wir kämpfen für die Übernahme der Macht. Aber so lange es keinen politischen Weg gibt, kämpfen wir mit. den Waffen. Nach den Erfahrungen mit der Union Patriotica haben wir die Bewegung Bolivariano für ein neues Kolumbien geschaffen, diese Bewegung soll jedoch klandestin bleiben, damit deren AktivistInnen nicht umgebracht werden. Politische Wege sind verschlossen. Eine Demobilisierung gibt es für uns nicht. Die Waffe in der Hand bedeutet, dass die ausgehandelten Kompromisse eingehalten werden. Die Garantie der Einhaltung der ausgehandelten Kompromisse sind die Waffen. Auf der Tagesordnung der FARC-EP steht heute der Austausch der 400 Kriegsgefangenen und die «Reinigung» der Armee.»

Manuel Marulanda Velez, Gründer und Chefkommandant der FARC-EP


Netzwerk RESISTENCIA Das Netzwerk RESISTENCIA ist eine Solidaritätsgruppe, welche sich das Ziel gesetzt hat, über die Legitimität, das Selbstverständnis und die inhaltlichen Zielsetzungen des bewaffneten Kampfes im südlichen Halbkontinent Amerikas zu informieren und diesen Kampf damit solidarisch zu unterstützen. Richard Frick, Mitglied des Netzwerk Resistencia, weilte Ende April 1999 auf Einladung der FARC-EP in San Vicente de Caguan in Kolumbien. 

Kontaktadresse: Netzwerk Resistencia Postfach 2444 8026 Zürich PC -87297183-7 
Kolumbien zwischen Friedensgesp
 
Vorwärts DIE SOZIALISTISCHE WOCHENZEITUNG Zürich (Schweiz), 11. Juni 1999 WEB: http://www.PdA.ch/vorwaerts/index.html
 
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