Dokument der Internationalen Kommission der FARC-EP für den Tag der Arbeiterlnnen der Welt

 

Alle Völker der Welt,

die für die Freiheit gekämpft haben,

haben schlussendlich ihre Tyrannen vernichtet

Simón Bolívar

 

Feierlich begehen wir den Ersten Mai in Erinnerung an die mittlerweilen vor 111 Jahren ermordeten Arbeiterlnnen, und als Datum, welches als Tag der Arbeiterlnnen der Welt der Geschichte ihren Stempel aufgedrückt hat. Damals nahm eine lange Tradition der Arbeiterlnnenbewegung als organisierte Klasse im Kampf um ihre Forderungen und für den Aufbau einer neuen Gesellschaft ihren Anfang.

 

Wir befinden uns mitten in der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Rechte hat keine Möglichkeiten, sie aufzuhalten. Vielmehr zögert sie sie, mit schlimmen Folgen für die Völker der Welt, hinaus. Die globalisierte Wirtschaft ist destabilisiert und ihre Widersprüche treten offen zutage. Während der äusserst unproduktive aber momentan mächtige Finanzsektor versucht, die Nationen bis zum bitteren Ende auszupressen, sind von Seiten des Kapitalismus und seiner Aliierten Stimmen zu hören, welche Lösungen und Alternativen verlangen. Doch ist es notwendig, klar zu sehen, dass diese nicht vorhaben, die Probleme der Mehrheiten zu lösen. Sie wollen das Modell auswechseln, jedoch nicht das kapitalistische System. Denn was sie letztendlich tun, ist nichts mehr und nichts weniger als die Verteidigung ihrer eigenen Interessen.

 

Wird von Alternativen gesprochen, werden häufig solche dargeboten, die nichts als lauwarme Waschlappen sind. Es ist nicht möglich, dem von Natur aus wilden Kapitalismus eine menschliche oder soziale Seite abzugewinnen, und noch weniger, dritte Wege zu finden, welche in letzter Konsequenz nichts Anderes als noch mehr vom Gleichen sind. Die einzige gehbare Alternative, welche das Bessergehen und die grundlegenden Rechte der Mehrheiten garantiert, ist der Sozialismus.

 

Die Frage bleibt bestehen: Ist es möglich, die Probleme der Mehrheiten in diesem System zu lösen? Und die Antwort ist Nein. Es ist historisch bewiesen, dass der Unterschied zwischen Besitzenden und Enteigneten täg1ich grösser wird, unter Anderem wegen des schänd1ichen Missbrauchs der technologisch-wissenschaftlichen Entwicklung. Die Barbarei des Systems verlangt und ermöglicht den Aufbau des Sozialismus.

 

Wir, die Völker der Welt, können nicht resignativ die gefrässige Entwicklung des Kapitalismus hinnehmen, der uns jeden Tag mehr und mehr ins Elend stösst und die Werte unserer Gesellschaften auf den Kopf stellt.

 

Das System ist in der Krise und sein aktuelles Modell, der Neoliberalismus, auch. Trotzdem ist es notwendig, den bewussten Kampf zu entwickeln, um es zu stürzen und diejenigen Gesellschaften aufzubauen, welche unsere Völker verdienen und für welche sie kampfen; Gesellschaften, welche den Interessen der Mehrheiten entsprechen, ohne Ausbeutende und Ausgebeutete, würdige, gerechte, und souveräne sozialistische Gesellschaften, die wahrhaftig die spezielle Situation jedes einzelnen Landes berücksichtigen; ohne Modelle, ohne vorgefertigte Gussformen, ohne Hegemonismen; unter Berücksichtigung der negativen Erfahrungen, um sie nicht zu wiederholen, sowie der positiven, um an diesen weiter zu arbeiten. Der Aufbau des Sozialismus geht von einer kreativen Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus aus.

 

Es ist unsere Pflicht als RevolutionärInnen, die Widersprüche im Innern der nationalen Oligarchie und zwischen dieser und dem Imperium zu vertiefen, sowie Alternativen aufzubauen, welche es der Linken erlauben, von der Krise zu profitieren und, wenn auch nicht an der Macht so doch der Macht nahe und als bestimmender Teil der Gesellschaft, täg1ich den Handlungsraum der Klassenfeinde weiter einzuschränken.

 

Wir wollen nicht weiter darüber sprechen, wie alle unsere Völker die Auswirkungen der Krise des Kapitalismus und seines neoliberalen Modells erleben und erleiden, das nichts als Elend und noch mehr Elend produziert und die Gewalt als Mittel braucht, um sich zu entfalten und den gerechten Protest, den es selbst verursacht, zu unterdrücken.

 

Ist es politisch und moralisch korrekt, den nationalen Oligarchien und den transnationalen Unternehmungen dabei zu helfen, die Krise zu verharmlosen, während ihr Gewicht auf dem Volk lastet; und dies unter dem Vorwand, es gäbe momentan in der Linken das für die Machterlangung notwendige Organisationsniveau nicht? Nein, dies ist ein Vorwand der Sozialdemokratie, die ihre Beziehungen zum Kapitalismus und zu den KapitalistInnen nicht schädigen will. Die Kosten der Krise müssen diejenigen bezahlen, die aus dem Modell Gewinn gezogen haben. Unser Interesse besteht nicht darin, das neoliberale Modell abzulösen. Wir wollen das System mit seiner kapitalistischen Produktionsweise ablösen.

 

Wenn es auch richtig und nötig ist, weite Frontlinien im Kampf gegen das System und sein gegenwärtiges Modell zu entwickeln, müssen diese einen radikalen Strukturwechsel zum Ziel haben. Wir können nicht einer angeblichen Einheit und Toleranz zuliebe weiter zurückweichen. Eben diese Haltung hat vielerorts zur Aufgabe von Prinzipien geführt. Die Situation wird dann jeweils als eine an die Umstände gebundene Standortveränderung dargestellt. Und wenn auch die Völker Geschichte schreiben und nicht umgekehrt, bringt einen diese Sichtweise doch schnell dazu, Lösungen innerhalb des Kapitalismus zu suchen und den Schultern des Volkes Verantwortungen zuzumuten, die ihm nicht obliegen sollten. Schlussendlich würden wir so für den Klassenfeind, für das Imperium und die nationalen Oligarchien arbeiten und die Einheit und die Toleranz als Vorwand benutzen.

 

Wir haben eben erst den 150. Jahrestag der Veröffentlichung des Kommunistischen Manifests gefeiert, dieses vorzüglichen von Marx und Engels ausgearbeiteten Werkzeugs, dank dem die Ausgebeuteten der Welt einen theoretischen Führer im Kampf gegen die Beherrschung und für den Aufbau des Sozialismus haben, denn die Welt muss man nicht nur interpretieren, sondern auch transformieren.

 

Die marxistisch-leninistische Weltsicht erhält täg1ich grössere Gültigkeit und Einfluss; viel mehr als sich die Fukuyamas aller Länder vorstellen. Der Motor der Geschichte ist nach wie vor der Klassenkampf

 

Wir erleben immer noch die Wirkungen des weltweiten Aufstiegs der Rechten und derer Höflinge, ausgelöst durch den Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa. Doch es scheint, dass die Welle zurückschwappt und sich Tag für Tag mehr Volks- und Sozialkämpfer davon überzeugen, dass das Scheitern weder dem Marxismus-Leninismus als Theorie noch dem Sozialismus als Möglichkeit einer sozialen Organisation und Produktionsweise anzulasten ist, sondern einer bestimmten Aufbau- und Entwicklungsform desselben.

 

In vielen Analyse ist es nach wie vor üblich, Kategorien und Formen so einzusetzen und abzuändern, dass sie das gegenwärtige Modell rechtfertigen: so bei den offenen Arbeitsstellen und der informellen Wirtschaft, um die Arbeitslosigkeit zu verschleiern; bei der Marktwirtschaft und den Freihandelsabkommen, welche lediglich die entwickelten Länder begünstigen; bei den Strömungen innerhalb der politischen Parteien der Linken mit dem Ziel, die leninistischen Organisationsprinzipien zu negieren, welche Grundbedingung für den Aufbau jener politischen Organisation sind, die den revolutionären Wandel ermöglichen würde; Alternativen zum Neoliberalismus und keine sozialistische Revolution; etc.. Trotzdem sind die Stimmen, welche die Entwicklung des Marxismus-Leninismus ausgehend von der Analyse und der Interpretation der Gesellschaft, und um tiefgehende und wirkliche Veränderungen beziehungsweise revolutionare Umgestaltungen einzufordern, schon zu hören und setzen sich auch immer stärker durch. Das ist die Rolle, die den Organisationen, Bewegungen und politischen Parteien der Linken zukommt: Die Entwicklung des populären Bewusstseins, indem es mit ideopolitischen und organisatorischen Werkzeugen ausgestattet wird, um effizient vorwärts zu kommen in der Absicht, den Sozialismus aufzubauen, in der Absicht, die Revolution zu machen.

 

Wir bestehen darauf, dass es notwendig ist, alle Formen des Kampfes der Massen simultan zu kombinieren; dies in Uebereinstimmung mit den konkreten Bedingungen jeden Landes und mit der durch die RevolutionärInnen erstellten marxistisch-leninistischen Analyse.

 

Trotzdem wird heutzutage häufig der Fehler begangen, den Weg der Wahlen und des Parlamentismus zu absolutisieren, und die anderen Ausdrucksformen der Massen zu vergessen. Die Unschlüssigkeiten sind gross. Verschiedene Fragen sind unumgänglich:

 

Ist es in diesem korrupten und durch die nationalen Oligarchien und das Imperium manipulierten System möglich, in Wahlen wirklich an die Macht zu gelangen?

 

Wickeln sie uns nicht um ihre Finger, wenn sie uns eine vorgebliche Regierungseteiligung erlauben, welche letztendlich nichts definiert und durch die Beteiligung von linken Kräften legitimiert wird?

 

Interpretieren die sogenannten "Erfolgsparteien", welche ein grosses WählerInnenpotenzial aufweisen oder dies zumindest anstreben, welche aber immer die Wahlen verlieren, mit ihren Regierungsbeteiligungen, ihren Bündnissen und ihrer Anpassung ans System wirklich die Völker, die nationalen Mehrheiten und deren Interessen?

 

Wollen wir die Macht fürs Volk und kampfen wir auch für sie, oder wollen wir uns nur bequem an der Regierung beteiligen?

 

Wir RevolutionärInnen können als Strategie keine doppelte Politik entwickeln. Unsere Ansätze müssen zu Gunsten unserer Völker und zu Gunsten der nationalen Mehrheiten, die definitiv unsere Kräfte sind, klar und durchschaubar sein. Das Ziel all unseres Handelns ist die Machtübernahme, vereint mit diesen Völkern und diesen nationalen Mehrheiten, um deren Interessen, Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen zu entsprechen, um die Gesellschaft wirklich und unter Ausnützung aller möglichen und notwendigen Formen und Wege umzugestalten.

 

Die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens - Volksheer (FARC-EP) entanden im Mai 1964 als Antwort einer Gruppe von BäuerInnen auf die gegen sie gerichtete Agression des Staates, die Teil einer durch den US-amerikanischen Pentagon geplanten und geleiteten militärischen Operation namens Latin American Security Operation (LASO) beziehungsweise "Operación Marquetalia" war. 48 BäuerInnen, 46 Männer und zwei Frauen, die die vorhergehenden Gewaltzeiten durchgemacht hatten und die Erde bebauten, wurden verdächtigt, eine Vorhut des "internationalen Kommunismus" zu sein und verwandelten sich so in ein militärisches Ziel. Seit damals sagen wir immer, dass es notwendig ist, einen politischen Weg aus dem schweren sozialen und militärischen Konflikt zu suchen, in dem unser Volk lebt. Es gab zahlreiche Vorschläge, um dies zu erreichen. Aber auf der Suche nach dem von den Kolumbianerlnnen so sehr ersehnten Frieden haben wir immer eine militärische Antwort erhalten.

 

In ihrem historischen Werdegang haben sich die FARC-EP als eine politisch-militärische und klar marxistisch-leninistisch definierte Organisation konsolidiert, als bewaffnetes Volk, mit 60 Fronten und ihren urbanen Strukturen, die sie in der gesamten nationalen Geografie verankern, und in sieben Frontblöcken organisiert. Unser Kampf ist gerecht, denn wir sind die InterpretInnen eines durch den Staatsterrorismus eingeschüchterten Landes, denn das System, das Regime, die verschiedenen kolumbianischen Regierungen und das Imperium haben keine andere Möglichkeit für den politischen Kampf offen gelassen. Ein klarer und schmerzlicher Beweis dafür sind mehr als 4000 Mitglieder der Patriotischen Union und der Kolumbianischen Kommunistischen Partei und tausende soziale und Volkskämpfer, die in den letzten zwölf Jahren durch den Staatsterrorismus und dessen paramilitärische Gruppen ermordet wurden, während sie ihren legalen politischen Kampf führten. Deshalb sind wir die bewaffnete politische Opposition zur Regierung.

 

Unser Kampf zielt auf den Aufbau eines neuen Kolumbiens; tolerant, in Frieden, mit vollständiger Demokratie, mit Würde, mit Souveränität und sozialer Gerechtigkeit. Das heisst, wir kampfen für den Sozialismus. Diesen Sinn beinhalten alle unsere Vorschläge.

 

Obwohl der Beginn der Friedensgespräche am 7. Januar des vergangenen Jahres entsprechende Erwartungen ausgelöst hat, konnten wir den Bau der Wege, die zu diesem alten Wunsch und Recht der KolumbianerInnen führen, nicht vorantreiben, denn das Imperium und seine nationalen RepräsentantInnen beharren darauf, die Bevölkerung zu massakrieren, um ihre Herrschaft und ihr System aufrecht zu erhalten. Dazu benutzen sie den Staatsterrorismus, dessen paramilitärische Gruppen und die Kriminalisierung des sozialen Protests. Dies ist denn auch der Grund für das Einfrieren des Dialogs, bis die Regierung Pastrana unzweideutig wahre Resultate in der Beseitung dieser Politiken und Praktiken vorweisen kann.

 

Als Grundlage der Diskussion am Gesprächstisch haben wir unseren Vorschlag für eine Regierung des nationalen Wiederaufbaus und der nationalen Versöhnung vorgelegt, welcher an der Achten Nationalen Konferenz der Guerilleros 1993 verabschiedet worden ist. Wir haben ihn mit Tausenden von KolumbianerInnen diskutiert, und er bleibt, als erster Schritt für die politische Lösung des Krieges, den wir seit mehr als 50 Jahren ertragen, nach wie vor im Spiel.

 

Wir schlagen Direktgespräche unter Beteiligung des ganzen Landes vor.

 

Die Demobilisierung und die Entwaffnung sind Themen, die nicht zur Diskussion stehen. Die Waffen werden die einzige gültige Garantie für die Einhaltung eventueller Abkommen sein. Im Fall derer Einhaltung werden die Waffen bestimmt ihre Bedeutung verlieren und in den Händen des kolumbianischen Volkes und seiner Organisationen verwahrt sein.

 

Man will unserem Kampf Legitimität absprechen, indem man ihn mit dem Drogenhandel und dem Terrorismus zusammenbringt. Bezüglich dieser Themen war unsere Position immer aufrichtig und in Uebereinstimmung mit unserer Prinzipien und unserer Moral. Wir unterhalten weder Beziehungen zum Drogenhandel noch zu den DrogenhändlerInnen. Die ganze Welt weiss mittlerweilen von der Beziehung zwischen der Führungsspitze der traditionellen (der liberalen bzw. konservativen) Parteien und den DrogenhändlerInnen, welche ersteren die Wahlkampfkampagnen finanzieren und sich dadurch Straflosigkeit für ihre Delikte erkaufen. Der Drogenhandel ist ein Problem für Kolumbien und für die ganze Menschheit. Als solches soll er auch betrachtet werden. Unsere Vorschläge schliessen diese Erscheinung mit ein. Allerdings stellt der Drogenhandel nicht das grösste Problem für unser Volk dar.

 

Bezüglich des Terrorismus haben wir stets unsere historische Position aufrecht erhalten, ihn ungeachtet seiner Urheberschaft zu verurteilen. In Kolumbien wird der Terrorismus durch den Staat, das Regime und die unterschiedlichen Regierungen praktiziert, welche das unbewaffnete Volk massakrieren, die unter ihrem Schutz auftretenden paramilitärischen Gruppen legalisieren und deren schmutzigen Krieg mit einer Mantel aus Straflosigkeit und Korruption bedecken.

 

Die Kriegsbedingungen, unter denen unser Volk lebt, die durch die Regierungen der Vereinigten Staaten und Kolumbiens gesponserten Eskalationsstufen der Gewalt, die klare Androhung einer Direktintervention des US-Imperiums in unserem Land und die eigenmächtigen Reaktionen eines unserer Kommandanten sind einige der Gründe, die den Tod dreier Umweltschützer und indigenistischer Menschenrechtsaktivisten zwar erklären, aber niemals rechtfertigen.

 

Dieses bedauerliche Ereignis wird durch das Staatsdepartement, welches nun vorgibt, diejenigen BürgerInnen verteidigen zu wollen, die es ihrer unbequemen Aktivitäten wegen verfolgt hat, schamlos und auf unmoralische Weise ausgenützt.

 

Da unser Kampf gegen diesen terroristischen Staat und gegen dieses unterdrückerische Imperium gerichtet ist, erkennen wir weder deren Gesetze noch deren moralische und ethische Integrität an, um über unsere KämpferInnen zu richten. Diese werden für ihre Handlungen unseren internen Normen gemäss zur Verantwortung gezogen werden.

 

Es ist notwendig, dass die internationale Gemeinschaft über die Realität unseres Landes informiert wird und die notwendige Solidarität entwickelt... In Kolumbien gibt es einen Krieg, in dem das Volk und seine Organisationen für ihre grundlegenden Rechte, für die nationale Befreiung, für den Aufbau einer neuen Gesellschaft ohne Ausbeutende und Ausgebeutete kämpfen.

 

Gegen den Imperialismus... Für das Land

Gegen die Oligarchie... Für das Volk

Bis zum endgültigen Sieg ....... Wir sind FARC - EP

 

Wege bahnend zum neuen Kolumbien

 

Internationale Kommission FARC-EP

Erster Mai 1999