„Zwischen Pastrana und Samper
besteht keinerlei Unterschied“ 

(980601) Mit freundlicher Genehmigung von ANNCOL (ann.col@swipnet.se) 

Interview mit Juan Antonio Rojas von der kolumbianischen Guerillaorganisation FARC-EP. 
 

  • In den letzten Wochen sind zahlreiche hochrangige US-Militärs und -Politiker in Kolumbien gewesen und haben sich besorgt über die Entwicklung des Konflikts geäußert. Werden die USA in Kolumbien intervenieren?
- Die USA greifen permanent in die Politik und die Konflikte Kolumbiens ein - seit dem Jahr 1964, als die Bauerngemeinschaft von Marquetalia angegriffen wurde und nordamerikanische Einheiten an den Bombardierungen teilnahmen, bis zum 4.September 1997, als der Plan „Destructor II“ gegen unser Zentralkommando begann. Der General José Manuel Bonnet Locarno erklärte, daß die Armee hierbei Unterstützung und technische Beratung aus den USA erhalten habe. Zudem hat die US-Regierung den Wunsch geäußert, kolumbianische Militärs direkter als bisher auszubilden, was in den Vereinigten Staaten eine heftige Debatte ausgelöst hat. Die größten nordamerikanischen Tageszeitungen haben Dokumente veröffentlicht, wonach von US-Militärs ausgebildete Armeeangehörige foltern, morden, massakrieren und Leute verschwinden lassen. 

- In dieser Strategie spielt auch die DEA (Drug Enforcement Agency) eine große Rolle, die dafür zuständig ist, eine bestimmte Drogenpolitik durchzusetzen. Ein Teil ihrer Aufgaben besteht darin, unter dem Vorwand der Drogenbekämpfung Geheimdiensttätigkeiten zu verrichten. Und wir sagen „Vorwand“, weil wir nichts davon wissen, daß in den USA irgendein Capo der dortigen Drogenkartelle verhaftet oder verklagt worden ist. Oder daß diejenigen Nordamerikaner, die die großen Drogenlieferungen ins Land bringen, verfolgt würden. Und noch viel weniger ist uns bekannt, daß in den USA größere Operationen unternommen werden, um den Drogenkonsum im eigenen Land zu unterbinden - dem größten weltweit. Stattdessen werden unsere Länder gezwungen, Herbizide einzusetzen, die in weiten Teilen des Landes die Flora und Fauna vernichten. 

- Der Drogenhandel verschwindet als Delikt, wenn US-Amerikaner selbst das Geschäft kontrollieren. Ein Beispiel: 1980 kam viel Marihuana aus Kolumbien in die USA, was große Aufregung nach sich zog. Heute exportiert Kolumbien kaum noch Marihuana und stattdessen hat es in den USA eine Monopolisierung des Anbaus und der Verarbeitung von Marihuana gegeben, das dort in bester Qualität produziert wird. Seitdem werden in den USA Marihuana-Bier, Marihuana-Zigaretten, sowie Süßigkeiten, Textilien und Lebensmittel aus Marihuana hergestellt. 
Die Präsenz der DEA in Kolumbien ist nur dazu, um Spionage zu betreiben und sich immer aggressiver bei uns einzumischen. 
Das Problem des Drogenhandels ist ein Menschheitsübel und wir verurteilen es aus ethischen und moralischen Gründen, wir sind eine politisch-militärische, eine revolutionäre Organisation. Aber das Problem in Kolumbien ist sozialer und wirtschaftlicher Natur und deswegen glauben wir, daß es auch eine soziale und ökonomische Lösung braucht - z.B. eine Bodenreform, die den Bauern Land gibt und sie so unterstützt, daß sie in Würde leben können. 
 

  • Während die paramilitärischen Massaker weitergehen, ist der Präsident gewählt worden. Gab es irgendeinen Unterschied zwischen den Kandidaten?
- In Kolumbien sind alle Unterschiede verwischt. Liberale und Konservative teilen sich seit 150 Jahren die Macht. Und sie haben die gleiche Sozial-und Wirtschaftspolitik, d.h. sie übergeben die Reichtümer den multinationalen Unternehmen. Im Moment sind beide damit beschäftigt, die Bodenschätze, die bisher noch in nationaler Hand waren, den US-Monopolen zu übergeben, vor allem das Erdöl, die Kohle und den Nickel. In dem Punkt gibt es keinen Unterschied zwischen Pastrana und Serpa. 

- Im sozialen ist es das gleiche. Die Gewerkschafts-und Volksbewegung wird verfolgt, die Menschenrechte mißachtet. Schon unter dem Konservativen Betancourt wurden paramilitärische Gruppen aufgebaut, unter den Liberalen Barco, Gaviria und Samper wurden diesen Gruppen erweitert. Samper hat sie sogar in Form der „Sicherheitskooperativen CONVIVIR“ legalisiert, d.h. die Paramilitärs sind heute eine legale Organisation, die Waffen kaufen dürfen und in den Machtinstitutionen des Staates vertreten sind. Diese Entwicklung wurde von Serpa nicht kritisiert, als er noch Innenminister war und von sozialen und Menschenrechtsorganisationen die Auflösung der CONVIVIR gefordert wurde. 
- Auch hinsichtlich von Friedensverhandlungen unterscheiden sich Serpa und Pastrana nicht. Keiner von beiden hat einen ernsthaften Vorschlag. 

- Aber unter dem Druck der Öffentlichkeit versprachen sowohl Pastrana als auch Serpa einen sofortigen Friedensplan. Ist das eine Antwort auf die FARC? 
- Wir haben auf unseren 10-Punkte-Vorschlag zu einer Regierung des nationalen Wiederaufbaus und Aussöhnung bis heute keine Antwort bekommen. Dort haben wir vorgeschlagen, daß sich alle wirtschaftlichen, sozialen und politischen Akteure mit der Guerilla an einen Tisch setzten sollten, um gemeinsam nach einer politischen Lösung des 50 Jahre alten sozialen und bewaffneten Konflikts zu suchen. Wir haben den Inhalt dieser Punkte erklärt, die ein alternatives Programm für ein Kolumbien in Demokratie, Frieden und sozialer Gerechtigkeit darstellt. 

- Aber von Seiten der Regierung gibt es keinen ernsthaften Vorschlag. Es wird Wahlkampf mit der Frage gemacht. Der Bevölkerung verspricht man eine Anstellung, Einkommen, Bildung, Gesundheit, Frieden. Aber sobal die Regierung gebildet ist, passiert das Gegenteil. Dann gibt es Armut, Beschäftigungslosigkeit, Niedriglöhne, Abbau von Bildung und Gesundheit und Repression gegen jede Protestbewegung. Samper ist das beste Beispiel für einen derartigen Betrug. 
 

  • Wird die neue Regierung ebenso korrupt sein wie die bisherige und sich in gleichem Maße den USA unterordnen?
- Ganz genau wie bisher! 
 
  • Bedeutet es etwas, daß die parteiunabhängige Politikerin Noemi Sanín so viele Stimmen erhalten hat, fast genauso viele wie Pastrana?
- In Kolumbien ist die Opposition massakriert worden. Das hat zu einem Vakuum geführt. Man kann niemanden wählen und deswegen erscheinen Personen wie Noemí Sanín, die sich pompös „Option für das Leben“ nennen. Dabei ist diese Frau immer Teil des Staatsapparates und der Regierungen gewesen. Sie war Außenministerin unter Gaviria und Botschafter in London für Samper. 

- Sie hat die ganze Zeit eine bevölkerungsfeindliche Politik mitgetragen, aber auf einmal bekam sie Lust auf mehr. Nachdem sie im Ausland erzählt hatte, daß in Kolumbien alles wunderbar sei und bloß ein paar terroristische Gruppen existierten, sagt sie jetzt, daß man mit den FARC verhandeln müssen, um zu Frieden zu kommen. Und klar, angesichts des Vakuums, das der schmutzige Krieg erzeugt hat und zu dem sie beigetragen hat, nimmt die Bevölkerung jede Option wahr. Aber es gibt keinen einzigen konkreten Vorschlag von Noemí, der die Wirtschafts-, Sozial- oder Friedenspolitik betrifft. D.h. sie hat so viele Stimmen bekommen, weil sie den Wunsch der KolumbianerInnen nach Frieden ausgenutzt hat. 
 

  • Es gab keine linken Kandidaten bei den Präsidentschaftswahlen. Gibt es keine Spielräume für eine Beteiligung mehr?
- In Kolumbien existieren keine Bedingungen für demokratische oder linke Kräfte, um eigene KandidatInnen aufzustellen. So wurden Jaime Pardo Leal und Bernardo Jaramillo von der UP ermordet, von der M-19 Carlos Pizarro und sogar der liberale Präsidentschaftskandidat Luis Carlos Galán. 

- Als 1970 der General Rojas Pinilla die Unzufriedenheit in der Bevölkerung auszudrücken verstand, gewann er die Wahlen. Aber die vom Liberalen Lleras Restrepo angeführte Oligarchie manipulierte in einer einzigen Nacht die Wahlergebnisse und so gewann schließlich der offizielle Kandidat Misael Pastrana. 

- Dann ereignete sich die Sache mit Jaime Pardo Leal von der UP. Nach nur zwei Monaten Wahlkampf gewann Pardo den größten linken Stimmenanteil in der Geschichte Kolumbiens. Er wurde sofort umgebracht. Danach kam Bernardo Jaramillo, der wenig später erschossen wurde. 3500 FührerInnen der UP sind inzwischen ermordet worden, SenatorInnen, Abgeordnete, KommunalpolitikerInnen, BürgermeisterInnen und KandidatInnen. 

- Deswegen enthalten sich die meisten KolumbianerInnen bei den Wahlen. Und deswegen haben wir als FARC dazu aufgerufen diese Art von Wahlen ohne Bevölkerung abzulehnen, ein klares NEIN gegen das korrupte und diktatorische System zu äußern. Mit der Abstention kann man eine Ablehnung der korrupten führenden Klasse ausdrücken. 
Natürlich ist es noch viel wichtiger zu sehen, wie die Bevölkerungsmehrheit organisiert werden kann.