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KRONE-Kolumnistin und Buchautorin Dr. Gerti Senger:
Ein Drittel der Kinder wächst überhaupt ohne Vater auf: deren Eltern sind geschieden
Sag mir, wo die Väter sind . . .
Unter dem Titel "Sag mir wo die Väter sind..." berichtete Senger in einem 6-Spalter auf einer Doppelseite auch über unsere Selbsthilfe-Gruppe Aktion "Recht des Kindes auf beide Eltern"
Das Telefon klingelte nach Erscheinen der KRONE bis spät in die Nacht: Frau Dr. Senger hatte unsere Telefonnummer zur gesamten (psychologisch fundiert abgehandelten) Problematik mitpubliziert. Komprimiert die wichtigsten Passagen:
Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allenspach ergab, daß es nur 53 % der Frauen schätzen würden, wenn der Mann zugunsten der Kindererziehung bei seiner Karriere zurücksteckt.
Es sind vielbeschäftigte, tüchtige Männer, die regelmäßig Geld nach Hause bringen und sich materiell für ihre Familie verantwortlich fühlen. Für ihre Kinder sind sie allerdings nur in den seltenen Fällen eines familiären Super-Gaus spürbar. Als Wilfrieds Tochter Marilies wegen eines disziplinären Vergehens mitten im Schuljahr von der Privatschule fliegen sollte, kämpfte Wilfried wie ein Löwe für sie.
Die Gefahr, daß "vaterlose" Kinder eines Tages schwierige Partner werden, ist groß. Ein Mädchen, das seinen Vater nie wirklich erlebt, kommt um das sichere Gefühl, in der Obhut einer schutzbereiten Väterlichkeit zu existieren. Dadurch gleicht die erwachsene Frau später unter Umständen die frühkindlichen Ohnmachtsgefühle durch Allmachtsbedürfnisse aus. Auch die umgekehrte Entwicklung ist möglich: die erwachsene Frau hält an der Rolle des anlehnungsbedürftigen Kindes fest und erwartet sich von ihrem Mann den Schutz und die Überlegenheit, die sie bei ihrem Vater erleben wollte. Mit diesen unangemessenen Erwartungen ist so mancher Ehemann überfordert.
Frauen übertragen eine unsichere Vater-Beziehung oft auf ihre Partnerschaft. "Mein Vater war viel weg", berichtet Charlotte. Sie hatte als kleines Mädchen immer die Angst" daß er einmal nicht wieder kommt". Heute ergeht es Charlotte mit ihren Männern so. "Kaum geht einer weg oder ruft einer nicht pünktlich an, zerreißt mich die Angst: Er kommt nicht wieder".
Noch schwerwiegender als bei Mädchen wirken sich "Phantom"-Väter auf Söhne aus: Wenn das Modell eines stabilen Männerbildes fehlt, entwickelt der "kleine Mann" oft eine brüchige Mann-Identität. Als Folge davon kann es später zu sexuellen Störungen kommen - von Erektionsschwierigkeiten angefangen bis zu einem totalen Fehlen des sexuellen Verlangens.
Auch die Mütter selbst kratzen am Bild der Väter und damit am zukünftigen
Glück ihrer Kinder. Buben müssen oft und oft beobachten, daß ihre Väter von der Mutter anstatt Bewunderung Verachtung und Vorwürfe bekommen. Die Folgen können fatal sein: entweder der Sohn identifiziert sich mit dem Vater, der sich von der Mutter "kastrieren" läßt. Oder es kommt zum Protest gegen die "Frauenherrschaft", also zu Frauenhaß.
Auch durch Scheidungen verabschieden sich Männer mehr oder weniger unfreiwillig aus dem Leben ihrer Kinder. 1995 wurde in Österreich jede dritte Ehe geschieden - 19.945 Kinder waren davon betroffen. Heute haben nur noch 5o% von ihnen Kontakt zum zweiten Elternteil. Grundsätzlich ist zwar offen, welcher Elternteil das Sorgerecht bekommt, aber in der Regel enden Scheidungen damit, daß die Frau
das Sorgerecht erhält und der Vater zahlen muß. Diese Lösung bietet jede Menge Konfliktstoff: Die alleinerziehenden Mütter sind überlastet, die Väter ihrer Mitsprache- und Mitwirkungsrechte beraubt, die Kinder werden von Loyalitätskonflikten zerrissen und vermissen den fehlenden Vater (Elternteil). Ein gemeinsames Sorgerecht erscheint vielen als Ausweg - sowohl in Deutschland als auch in Österreich organisierten sich daher Selbsthilfegruppen (Aktion "Recht des Kindes auf beide Eltern", 0732/701351).
Doch die Vision bleibt für viele Eltern eine Utopie: Manche Väter finden sich damit ab, daß sie wenigstens durch ihre Zahlungen(!) nicht in Vergessenheit geraten. Andere kämpfen verzweifelt um eine lebendige Anteilnahme am Leben ihres Kindes.
Aber Mütter rächen sich häufig auf Kosten ihrer Kinder an den Männern. Maresa B., 34, enthält ihrem "Ex" ständig die vierjährige Tochter. Um sie sehen zu können, schleicht sich der Vater manchmal zum Briefschlitz, damit er einen verstohlenen Blick auf seine Tochter werfen kann. Maresa B. gelingt es immer wieder, ihren "Gegner"(!) auszutricksen und Kontakte mit der Tochter zu verhindern.
Solche Siege sind eigentlich Niederlagen. Denn Kinder brauchen ihre Väter. Nicht nur dazu, um glückliche Kinder zu sein, sondern auch dazu, glückliche Liebende zu werden...
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Übersicht Justizwaisen September 1997